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Textauszug "Kunst.Netz.Werk" von Dr. Hermann Ühlein, erschienen im Katalog zur Ausstellung "TRANSARTLANTIK"

Jo und Jorgo – Ein Wuppertaler in New York und eine New Yorkerin in Wuppertal

Für die aktuelle Kooperation zwischen New York und Wuppertal steht eine Begegnung im Mittelpunkt, und zwar die Freundschaft zwischen Jo Wood-Brown und Jorgo Schäfer. Seit Jahren ist der Maler und Cartoonist Artist in Residence beim Vision-Jazzfestival in New York. Jo Wood-Brown hingegen, bildende Künstlerin, Performerin und Kuratorin, hat unter anderem an der Peter Kowald-Mappe mitgewirkt und war zu Gast im Wuppertaler „ort“ mit eigener Ausstellung sowie einer Performance unter Mitwirkung von Rob Brown (Saxophon) und I FenLin (Tanz)

Der 11. September 2001 und Artist Exchange International
Wie eine ganze Reihe von Künstler(inne)n so hat auch Jo Wood-Brown Wohnung und Atelier in unmit-
telbarer Nachbarschaft des World Trade Center / Ground Zero. Es war also kein schwärmerischer Idealismus, der die Künstlerin nach dem 11. September 2001 umtrieb, sondern die Überzeugung, dass angesichts solcher Aggression der Netzwerk-Gedanke eine völlig neue Dimension bekommen kann: Die Vernetzung von Individuen, von Gruppen, von Institutionen, letztendlich auch von Ländern und Kulturen als sanft-wirksame Kraft gegen Terror, seien es Anschläge wie die in New York, seien es Kriege, die im Namen von Demokratie, Menschenrechten und Anti-Terror-Strategien begonnen und geführt werden. In einer solchen Verantwortung sieht Jo Wood-Brown auch die Kunst und die Künstler(innen). Sie gründet Artist Exchange International (AEI): „Artist Exchange International began in the wake of 9/11 with a group of artists from Lower Manhattan. What began as a local conversation soon expanded, creating a forum for artists to present their views through their work and to interact on a global level in ways that are urgent for them and meaningful to the cross-cultural dialog of pressing worldwide issues“, so Jo Wood-Brown, und: „As artistic director, I try to keep the original artists involved but expand with new artists who are appropriate for the different exchanges. The curatorial philosophy has always been a kind of sampling of different artistic points of view within a given city or locale.“

Nach dem New York City Exchange (2002 bis 2005) folgen Belfast (2006) und nun mit Wuppertal 2008/2009 die dritte Kooperation im Rahmen von AEI.

Wuppertaler in New York – New Yorker in Wuppertal
Gleichermaßen initiativ und engagiert gehen Jo Wood-Brown in New York und Jorgo Schäfer in Wuppertal daran, das Projekt zu entwickeln. Im Mittelpunkt der künstlerischen Arbeit stehen Malerei und Wandobjekte. Jo Wood-Brown formiert aus dem losen Verband der New Yorker AEI-Künstler eine Gruppe mit Katy Martin, Arthur Simms, Shazzi Thomas und Michael Zwack. Parallel trifft sich die Wuppertaler Gruppe in monatlichem Turnus: Von Jorgo Schäfer zusammengeführt, nehmen Georg Janthur, Nicolas Stiller, Erika Windemuth sowie Dr. Hermann Ühlein teil. Eine gemeinsame Ausstellung im Painting Center (NYC/SoHo) sowie ein Vortragsabend im Uris Center for Education des Metropolitan Museum of Art sind die offiziellen Veranstaltungen 2008. Daneben eröffnen und fördern Atelierbesuche in Downtown Manhattan den persönlichen und künstlerischen Dialog.
Die Stadtsparkasse Wuppertal richtet 2009 die Hauptausstellung des Gegenbesuchs aus. Gemeinsam mit der Wuppertaler Gruppe präsentieren aus New York Barbara Friedman, Maura Sheehan, Sandi Slone, Gwenn Thomas und Jo Wood-Brown ihre aktuellen Arbeiten. An die Seite des Metropolitan Museums tritt 2009, ebenfalls mit einem gemeinsamen Vortragsabend, das Von der Heydt-Museum.


Transartlantik – 4. Februar bis 27. März 2009
Stadtsparkasse Wuppertal

Die Künstler – in alphabetischer Reihenfolge
Barbara Friedman bezeichnet ihre Arbeiten als Malerei des Überblicks, und zwar in mehrfachem Sinn. Der Blick vom erhöhten Standpunkt nimmt alles gleichzeitig wahr, es ist der Blick des „all-you-can-see“. Und doch ist es auch, zwangsläufig oder gewollt, der Blick des Darüber-hinweg-Sehens, des Ausblendens, des Nicht-Beachtens.
Zu Georg Janthurs neuen Arbeiten passt der Begriff „Kunst der Aufmerksamkeit“. Die Skizzen zur Serie „Dinge, mit denen Geschichten beginnen“ entstanden im Januar 2008 in New York. Auch das ist New York: Einfache Dinge für den Hausgebrauch stehen in Schaufenstern, als warteten sie darauf, endlich gekauft und ins Getriebe des Alltags einbezogen zu werden, in die Menschenwelt, die voller Geschichten ist.
Jorgo Schäfer stellt eine Frage in vier Varianten, zeichenhaft, rätselhaft, experimentierend, in der Hoffnung, die neuen Zeichensysteme könnten verfangen beim Gegenüber, in der Hoffnung, aus neuen Zeichensystemen könnten neue Kommunikationssysteme werden, die es braucht, wenn man sein Gegenüber nicht kennt, ja wenn man noch nicht einmal weiß, ob das Gegenüber existiert: „Gibt es Leben da draußen?“
Die Installationen von Maura Sheehan ziehen ihre Wirkung aus der Reduktion der Mittel. Wie ein Gedicht erst durch die kunstvolle Verknappung der Sprache zu größtmöglicher Aussage gelangt, so kommt „Night Flight“ mit wenigen Grundformen aus, um, im Sinn des Wortes, flächendeckende Ausbreitung zu erlangen. Perfekte Illusion.
Sandi Slone gibt die Maße ihrer neuen Bilder nicht in Länge x Breite, sondern in der Größe des Durchmessers an, sie sind rund. Die Titel pendeln zwischen Europa („The Botticelli Room“, „Giotto’s Joy“, „Pontormo“) und Amerika („Big Shot“, „From The Hip“), sie rufen vergangene Farb- und Bildwelten auf. Stil und Ausführung halten die Arbeiten wie in einem vorübergehenden Zustand zwischen Farbfeld-, gegenständlicher und abstrakter Malerei.
Lieblingstiere in Lieblingsfarben malen. Wie ein Kinderspiel muten die neuen Bilder von Nicolas Stiller an: „Bunte Schafe“ eher bedächtig-statisch; „Panavision Pigeon Ensemble“ dagegen flatterig-schnatterig und „U 3“ comicverwandt-surreal. Die spielerische Leichtigkeit der Bilder ist erarbeitet: Gedanklich und per Skizzen experimentierend, findet der Künstler die Komposition und die Möglichkeiten der technischen Umsetzung.
Gwenn Thomas als Fotografin zu bezeichnen, liegt zunächst fern, hat aber gute Gründe, denn dies ist der entscheidende Aspekt ihrer Arbeit. Sie fotografiert ihre Collagen aus Stoffstückchen, Papierstreifen oder aus Fragmenten früherer Bilder. Erst im Foto und dessen Ausdruck beginnt dann das Spiel mit Licht und Schatten, mit Farben und Schwarz / Weiß. Die Bilder sind gepixelt und stofflich zugleich, materiell und virtuell.
Erika Windemuth kauft die Materialien für ihre Werke nicht im Künstlerbedarf. Sie findet sie überall, mit Vorliebe auf Flohmärkten und Speichern, beim Sperrmüll: das Abgelegte und Abgelebte. Bei den neuen Arbeiten sind es die Puzzlestücke berühmter Gemälde von Hieronymus Bosch, Canaletto, Miró oder Renoir, mit denen sie Bilder von Hobbykünstlern nach Farben nachlegt und in Wachs konserviert.
Wenn sich Jo Wood-Brown als Multimedia-Künstlerin bezeichnet, so ist damit auch gemeint, dass sich ihre Arbeiten in unterschiedlichen Kunstgattungen und -medien gegenseitig befruchten, dass also zum Beispiel die aus Installationen gewonnenen Erfahrungen einfließen in ihre Malerei. Die Gesichter in „Civil War“ sind motivisch inspiriert von in sich versunkenen Zuhörern eines Konzertes.

Rauf
Runter